17. Oktober 2026
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
im Briefing vom 17. Oktober geht es unter anderem um diese drei Themen:
01 · Antikoagulation: Jedes zehnte neue Rezept zunächst nicht eingelöst
In deutschen Daten zu Vorhofflimmern fehlte bei 10,6 % der ersten Verordnungen einer Antikoagulanzienklasse binnen 30 Tagen die passende Apothekenabgabe. Einnahme wurde nicht gemessen. Für die Praxis: nach Abholung, tatsächlichem Beginn und eigenmächtigen Änderungen fragen – und die Dringlichkeit passend zur Indikation erklären.
10 · Kinderakte: Getrennt lebender Vater hat nicht automatisch einen eigenen Einsichtsanspruch
Im Tübinger Fall verlangte der Vater Psychotherapieunterlagen seines Sohnes im eigenen Namen. Die Mutter hatte den Behandlungsvertrag geschlossen. Ein eigener Elternanspruch besteht nicht; als berechtigte Vertretung können Eltern Rechte des Kindes geltend machen. Vor Herausgabe Vertretungsbefugnis und Kindesrechte prüfen.
05 · Hormontherapie: Hb und eGFR richtig einordnen
Bei etablierter geschlechtsangleichender Hormontherapie können andere Referenzbereiche für Hb/Hämatokrit und Kreatinin sowie ein anderer CKD-EPI-Geschlechtsfaktor passen. Frühe oder niedrig dosierte Therapie braucht eine individuelle Beurteilung; bei entscheidungsrelevanter Unsicherheit kann Cystatin C ergänzen. Hormontherapie und gewünschte Referenzen mit dem Labor abstimmen.
Alle 13 Meldungen mit Praxishinweisen und Originalquellen stehen weiter unten – einfach scrollen. Auch ältere, jetzt aufgefallene Fundstücke sind dabei; das Kinderaktenurteil stammt vom Februar 2025.
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Was ist für euren Praxisalltag hilfreich? Rückmeldungen sind sehr willkommen.
Viele Grüße
Christoph
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01 · Deutschland: Antikoagulation starten
IQVIA-Forschende berichten am 3.10. aus deutschen Daten 2016-2025: Von 57.290 ersten Verordnungen einer Antikoagulanzienklasse bei Vorhofflimmern wurden 10,6% binnen 30 Tagen nicht eingelöst. Erfassungslücken möglich; Einnahme nicht gemessen. Vier Autor:innen bei IQVIA. Nach eigenmächtigen Änderungen, Abholung und Einnahmestart fragen. Den Start vereinbaren, häufig noch am selben Tag: bei Vorhofflimmern nach individueller Prüfung zur Schlaganfallprävention; bei akuter tiefer Venenthrombose unmittelbar gegen Gerinnselwachstum und Lungenembolie. TVT war nicht Gegenstand der Studie.
Quellen: JCDD · Originalstudie · DGA · TVT · DGK · Vorhofflimmern
02 · International: Vorhofohrverschluss
BMC Medicine publiziert am 14.10. eine internationale Metaanalyse von sechs RCTs bei Vorhofflimmern (7.004 Personen): Nach Vorhofohrverschluss mehr ischämische Schlaganfälle als unter Antikoagulation, RR 1,32 (95%-KI 1,04-1,68); keine gesichert seltenere schwere Blutung. Heterogene Geräte/Vergleiche. Kardiologisch abwägen; bei Antikoagulationskontraindikation bleibt der Eingriff eine Option.
Quellen: BMC Medicine · Metaanalyse · DGK · Empfehlungen
03 · Kanada: Statine im Alter
Canadian Family Physician veröffentlicht im September eine kanadische Deprescribing-Leitlinie ab 65 Jahren: Statine außerhalb der letzten Lebensphase in Primär-/Sekundärprävention grundsätzlich fortführen; am Lebensende Absetzen erwägen. Therapieziel, Frailty und Tablettenlast gemeinsam besprechen. Keine deutsche Richtlinienänderung; nur Originalabstract zugänglich.
Quellen: CFP · Leitlinienabstract bei McMaster
04 · Taiwan: Bedarfsspray als Warnsignal
Thorax berichtet seit 15.4. aus Taiwans Asthmadatenbank (231.970 Personen, 2011-2019): Mindestens drei Kanister kurzwirksamer Beta-2-Agonisten jährlich waren mit mehr schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen binnen eines Jahres assoziiert, adjustierte HR 1,25. Asthmakontrolle/Dauertherapie prüfen. Keine bewiesene Arzneimittelkausalität; Schweregrad kann mitwirken. Mitfinanziert durch AstraZeneca Taiwan. Älterer Nachfund.
Quellen: Thorax · Originalabstract im Universitätsarchiv
05 · Australien: Labor unter Hormontherapie
Das australische AJGP erläutert im Oktober geschlechtsangleichende Hormontherapie: Unter etabliertem Testosteron Hb/Hämatokrit und Kreatinin mit männlichen, unter Östradiol mit weiblichen Referenzen bewerten. Die Übersicht empfiehlt dies ab drei Monaten; Hb/Hkt nähern sich nach mindestens sechs Monaten an. Für eGFR den passenden CKD-EPI-Geschlechtsfaktor nutzen; bei entscheidungsrelevanter Unsicherheit gegebenenfalls Cystatin C ergänzen. Frühe oder niedrig dosierte Therapie individuell beurteilen. Keine validierten neuen Troponin-/PSA-Grenzen; PSA unter Östrogen oft niedriger. Hormontherapie und gewünschte Referenzen dem Labor mitteilen.
Quellen: AJGP · Klinische Übersicht
06 · Deutschland: Verhütung hausärztlich
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer legt am 16.10. für Deutschland eine Kontrazeptions-Stellungnahme vor: Methoden, Risiken, Notfallkontrazeption und Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen; hausärztliche Praxen sind als Vertrauensinstanz genannt. Verhütungswünsche und Fehlvorstellungen ergebnisoffen ansprechen. Beratungshilfe, keine neue Richtlinie/Vergütung.
Quellen: BÄK · Originalstellungnahme
07 · Alaska: hoher Pertussis-Impfschutz
CDC/MMWR publiziert am 15.10. eine Fall-Kontroll-Studie zum Alaska-Ausbruch 2024: 84 Pertussisfälle, 229 Kontrollen, sechs Monate bis sechs Jahre. Mindestens drei DTaP-Dosen: 96,2% geschätzter Schutz (95%-KI 89,6-98,6). Beobachtungsdaten, US-Schema. Deutsche Impflücken nach STIKO schließen; US-Dosisdefinition nicht übertragen.
Quellen: CDC/MMWR · Originalstudie
08 · Rheinland-Pfalz: MFA-Impftouren
Die KV Rheinland-Pfalz erläutert am 8.6. die bundesweite Delegationsvereinbarung: Qualifizierte Medizinische Fachangestellte können beim Hausbesuch ohne ärztliche Anwesenheit impfen. Indikation, Impfanamnese und Aufklärung bleiben ärztlich; vorherigen persönlichen Arztkontakt sowie Substanz-/Risikogrenzen beachten. Qualifikation, Anleitung und Notfallablauf sicherstellen. Älterer Praxishinweis, keine neue Bundesregel.
Quellen: KV RLP · Praxishinweis · BMV-Ä · Anlage 24
09 · Brandenburg: Medikamente während Reha
Die KV Brandenburg erläutert in ihrer FAQ (Seitenstand 5.10., Abschnitt undatiert): Medikamente gegen chronische Erkrankungen ohne Bezug zum stationären Rehabilitationsleiden bleiben Aufgabe des vertragsärztlichen Bereichs. Vor Folgerezepten den Bezug zum Rehaleiden klären. Keine neue Oktober-Rechtsregel oder pauschale Rezeptfreigabe.
Quellen: KVBB · FAQ, Arzneimittel während Reha
10 · Tübingen: Einsicht in die Kinderakte
Das LG Tübingen entschied am 14.2.2025 (A 8 S 2/24) über einen getrennt lebenden Vater, der Psychotherapieunterlagen seines minderjährigen Sohnes im eigenen Namen verlangte. Die Mutter hatte den Behandlungsvertrag geschlossen, der Vater nur zugestimmt; ein Vormund wird nicht genannt. Eltern haben keinen eigenen Einsichtsanspruch, können aber als berechtigte Vertretung Rechte des Kindes in dessen Namen geltend machen. Ob der Sohn selbst urteilsfähig war und Geheimhaltung beanspruchen konnte, blieb offen. Vor Herausgabe Vertretungsbefugnis und Kindesrechte prüfen; keine pauschale Elternsperre.
Quellen: LG Tübingen · Urteilsvolltext, Wiedergabe
11 · Siegburg: Gesundheitsdaten im Chat
Das ArbG Siegburg verurteilte am 22.5. eine Ärztin zu 1.000 Euro und Unterlassung (1 Ca 1741/25): Sie verbreitete Diagnosen/Laborangaben eines Kollegen im Gruppenchat. Eigene, herabsetzende Zwecke begründeten persönliche Datenschutzverantwortung. Keine pauschale Beschäftigtenhaftung; Rechtsmittelstand offen. Medizinische Details erkrankter Kolleg:innen ohne erforderlichen dienstlichen Grund aus Teamchats halten.
Quellen: ArbG Siegburg · Urteilswiedergabe bei IWW
12 · England: PA brauchen Supervisionszeit
Englands Gesundheitsministerium sieht im Anfang Oktober öffentlich zugänglichen Konsultationsentwurf zur Leng-Review für Physician Assistants neu in der Primärversorgung 30-Minuten-Termine vor. Dazu mindestens 30 Minuten ärztliche Nachbesprechung je Sprechstunde im ersten Jahr, später 15; anfangs persönliche Überprüfung aller Patient:innen. Supervisionszeit mitrechnen. Entwurf, kein Entlastungsnachweis oder deutsche Regel; Publikationstag offen.
Quellen: England · Klinischer Protokollentwurf
13 · England: Apotheken mit Rückkanal
NHSBSA stellt im Oktober für England den finalen Entwurf zur Apothekenverschreibung bereit: Nachricht und Verordnungsdetails am selben/nächsten Werktag zur hausärztlichen Praxis, Folgeaktionen ausdrücklich erkennbar. Einwilligungsausnahme bei Kontrazeption. Noch kein offenes Onboarding oder belegter flächiger Regelbetrieb. Rückmeldung und Eskalationswege mitplanen; keine deutsche Regel.
Quellen: NHSBSA · Status · NHS England · Entwurf, §6.5
KI-Transparenz: Die Illustration wurde mit KI erzeugt. KI-Werkzeuge unterstützen die redaktionelle Aufbereitung. Auswahl, Einordnung und Veröffentlichung verantwortet Christoph Ludwig. Maßgeblich sind die verlinkten Originalquellen.